Die
hochgeistige Blüte brachten die Mönche
Die Klostergründungen sind der
Anfang - der Anfang der neueren alemannischen Geschichte in der Region: Klöster
gründeten Städte, Märkte, Häfen und Münzstätten.
Und mit den Klöstern am See, im Hegau und am nahen Rhein kam diese Region
zu Bedeutung, zu so viel Bedeutung, dass sie zeitweise der geistige Nabel der
christlichen Hemisphäre wurde. Die Bedeutung freilich schrumpfte wieder und
wird heute nicht einmal touristisch ganz erfasst. Nach Rom geht man heute auch
wegen Sakralbauten, den Kölner Dom besichtigt man, an den Bodensee kommt
man wegen dem Wasser.
Dabei ist nahe am Wasser die Geschichte ganz nah
- die Geschichte von Menschen, die sich ansiedelten, um geistvoll zu leben, um
die alemannischen Ureinwohner zu missionieren, um Bücher zu schreiben und
Chroniken zu entwickeln, um die Sonnenfinsternis zu enttarnen, Brüderlichkeit
zu leben, aber auch um Macht auszuüben und auszunutzen. Der heilige Bischof
Pirmin gründet im Jahr 724 im Auftrag des fränkischen Hausmeiers Karl
Martell das erste Kloster auf der Reichenau. Dabei ging es auch um Macht: Die
Franken setzten in dem Kloster die sogenannte Benediktinerregel ein, nach der
die Mönche im Kloster dem Abt untergeordnet waren. Die Reichenau war eine
bewusste Gründung der Karolinger, um am See zu Einfluss zu kommen. Unter
Karl dem Großen, dem wohl bekanntesten Karolinger der Geschichte, begann
die goldene Ära für die Insel. Walahfrid Strabo war der bekannteste
Abt vor Ort. Die goldene Ära war geistvoll (das haben goldene Zeitalter
nicht immer an sich): Strabo erzog Karl den Kahlen und Strabo schrieb über
das Jenseits, das wohl erste Buch über eine Nahtoderfahrung.
Bücher
wurden damals von Hand geschrieben und die Reichenau hatte eine der grössten
Bibliotheken dieser Zeit: 415 Bände haben im Jahr 821 dort gestanden, 111 Mönche
zählte der Konvent. Im neunten Jahrhundert kämpften die Äbte
bereits um die Bedeutung der Reichenau: Sie versuchten Heiligenreliquien auf die
Insel zu schaffen, das Haupt des heiligen Georgs landete so auf der Insel und
ein Teil der Gebeine des heiligen Markus soll ebenfalls auf der Insel sein. Den
Schrein aus getriebenen Silber kann man in der Schatzkammer des Münsters
besichtigen. Ein weiterer großer Mann lebte im elften Jahrhundert auf der
Reichenau: Hermann der Lahme, körperbehindert, aber geistig umso reger.
Hermann schrieb auch über die weltlichen Bedürfnisse des geistigen
Adels von damals: Das Frauenkloster in Buchau konnte sich im zehnten Jahrhundert
aus sexueller Abhängigkeit von Mönchen lösen, war weiterhin vom
Grundbesitz abhängig und bekam Hilfe von der Reichenau: Mit gefälschten
Urkunden zum Beispiel, die den Buchauer Nonnen mehr Land bescherte. Nach dem
elften Jahrhundert ging es abwärts mit der Bedeutung der Reichenau. Seit
1757 ist das Kloster Reichenau Geschichte. Eine Dependance hatte das Kloster
Reichenau früher: In Schienen auf der Höri gründete der
Statthalter von Karl dem Großen aus Florenz ein Kloster. Scrot, so hieß
er, war der Besitzer der "Schrotzburg" auf dem Schiener Berg, die später
Raubrittern in die Hände fallen sollte. 860 lebten 32 Mönche in
Schienen. Früher noch als auf der Reichenau kam die Geistlichkeit in eine
Gegend, wo heute die Stadt St. Gallen steht. Gallus hieß der Mann und er
brachte irische Missionare mit, um den Einwohnern das Christentum beizubringen.
Die Alemannen wollten den Glauben nicht, die Missionare gingen. Gallus
blieb, lernte die Sprache der Alemannen, konnte bald schon fischen und wurde
akzeptiert. Gallus aber schaukelte sich nicht zur Macht hinauf, sondern wählte
den Weg in die Einsiedelei. 719 versuchte ein Abt Otman in der Einsiedelei ein
Kloster aufzubauen, landete aber nach politischen Fehlern als Gefangener in der
Kaiserpfalz Bodman und später auf der Insel Wehrd bei Stein am Rhein.
Warum? Er hatte die Autorität des Konstanzer Bischofs angezweifelt. Die
Geschichte über die Geschichte der christlichen Blütezeit am See wäre
noch lange nicht zu Ende, der Platz schon: Auf dem Hohentwiel soll es 970
Kloster als Palastschule gegeben haben, gegründet von der Herzogin Hadwig,
die in Viktor von Scheffels "Ekkehard" als Liebhaberin ihres
Lateinlehrers auftaucht. In Radolfzell - die Stadt ist nach einem späteren
Bischof von Verona benannt - gründete exakt der Namensgeber (Ratold) 826
eine klosterähnliche Anlage (Zelle) im heutigen Stadtgebiet Radolfzells. Übrig
ist die gotische Stiftskirche, das Radolfzeller Münster. 965 wurde das Öhninger
Kloster von den Augustinern gegründet. Was man heute noch davon sieht,
stammt allerdings aus dem 17ten Jahrhundert.
Heute ist von der mönchischen Welt auf der einen Seite und der
alemannischen Bäuerlichkeit dieser Zeit auf der anderen Seite nicht mehr
viel übrig: Im frühen Mittelalter war das mönchische Leben
durchzuhalten: Reichtum gab es nur in Form von Grundstücken und Besitztümern
und alleine kam keiner durch. Dann aber kam das Hochmittelalter mit finanziellen
Anreizen, das Spätmittelalter brachte die Pest mit dem Jahr 1518 auch an
den Bodensee, die Kirchenspaltung tat ein übriges. Geblieben sind zwei
Kloster nach der Säkularisierung: Das Kloster Hegne bei Allensbach, das
aber erst im Jahr 1895 zum Domizil für die 250 barmherzige Schwestern vom
heiligen Kreuz wurde und der Dominikanerinnenkonvent Zoffingen in Konstanz, der
seit dem Mittelalter besteht. Viele ehemalige Klosteranlagen (Inselhotel in
Konstanz, Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen, Kartause Ittingen) sind heute
nicht zuletzt touristisch genutzt, einige sind gut erhalten (Reichenau,
Radolfzell, Schienen, Öhningen), von anderen war schon nach dem dreißigjährigen
Krieg nichts mehr übrig.
Anatol Hennig
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