Pfahlbauten
- von der Jungsteinzebis zur Bronzezeit
Die Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes
Baden-Württemberg in Hornstaad, Bodman und Sipplingen erbrachten große
Mengen angekohlter Getreide, sogar vollständig erhaltene Ähren, die
noch unversehrt im Schutt abgebrannter Pfahlhäuser lagen. Haustiere dürften
hingegen in Viehkralen oder Ställen am festen Land untergebracht gewesen
sein.
Dort
befanden sich auch die Feldflächen, deren Bestellung anfangs wohl noch im
Hackbau, ab der späten Jungsteinzeit vermehrt mit einfachen Hakenpflügen
vor sich ging. Botanische und bodenkundliche Untersuchungen legen nahe, daß
wir uns im Umkreis von 2-3 km um eine Siedlung die natürliche
Waldlandschaft durch Rodung, Feldbau und Viehweidebetrieb weitgehend
ausgelichtet vorstellen müssen. Auf diesen Lichtungen sammelte man vor
allem auch Haselnüsse, Wildobst und Beeren. Jagd und Fischfang ergänzten
die Ernährung. Die Siedler pflegten eine aus verschiedenen Quellen schöpfende
und damit in gewissem Umfang kriesenunabhängige Mischwirtschaft. Erst in
der Bronzezeit mehren sich die Anzeichen dafür, daß man vom
wildbeuterischen Zubrot vermehrt abkam und sich weitgehend auf die Produkte von
Landwirtschaft und Tierhaltung stützte.
Mit Intensivierung der
Landwirtschaft und steigenden Bevölkerungszahlen kam es aber in der
Landschaft zu einer starken Abspülung der Humusdecke und zu einer Nährstoffverarmung
der Böden. Durch neue archäologisch-bodenkundliche Untersuchungen ist
nachgewiesen, daß die Oberböden im Hegau ab der Bronzezeit in einem
bisher nicht gekannten Ausmaß erodierten. Die Siedler gerieten also
bereits damals in selbstverschuldete ökologische Katastrophen Etwa 300
Pfahlbausiedlungen haben die Archäologen bereits am deutschen und
schweizerischen Bodenseeufer entdeckt. Durch moderne, sehr präzise
Datierungen mit der Methode der Dendrochronologie, ist heute nachgewiesen, daß
zeitweise eine große Siedlungsdichte am Seeufer bestand und zeitgleiche
Dorfanlagen in Abständen von 2-5 km die Ufer säumten. Die einzelnen
Siedlungen hatten jedoch nur kurzen Bestand, währten höchstens einige
Jahrzehnte und wurden vielfach verlagert. Mehrfach kehrte man mit
Unterbrechungen in die gleichen, siedlungsgünstigen Buchten zurück, so
daß die Archäologen in einigen Fällen mehr als 10
Kulturschichten übereinander vorfinden. An diesen Schichtabfolgen läßt
sich der Gang der Entwicklung bis an das Ende der Pfahlbausiedlungen in der Spätbronzezeit
um 850 v. Chr. nachvollziehen. Die Siedlungen am Seeufer waren Teil eines
ausgedehnten Siedelnetzes. Die Besiedlung der Feuchtgebiete und Gewässer
hatte im gesamten Raum um die Alpen Tradition. Sie umfaßt zahlreiche
Kulturen unterschiedlicher Kulturkreise, die miteinander in Kontakt traten.
Importierte Rohmaterialien zur Herstellung von Steinbeilen, wie Schwarzschiefer
aus den Vogesen, Jade aus den Westalpen, Edelserpentin aus den Zentralalpen und
Feuersteine aus Bergwerken an der Maas und im Fränkischen Jura sowie
Schmuckschnecken aus dem Mittelmeer belegen, daß weitreichende Kontakte
bestanden und das Leben im Bodenseegebiet sich nicht isoliert abspielte. Die
Pfahlbausiedler hatten vor allem auch Nachbarn in regulären, auf festem
Grund errichteten Dörfern. Für die ausgehende Jungsteinzeit sind
solche Siedlungen mehrfach auf den Hegauvulkanen, z.B. am Mägdeberg und
Hohenkrähen nachgewiesen. Ab der Bronzezeit übersteigen die archäologischen
Siedelnachweise im Hegau die Zahl der Pfahlbauten sogar beträchtlich. Es
ist von daher nicht sicher und eine noch ungelöste Forschungsfrage, ob die
Pfahlbauten Siedlungszentren oder nur eine Randerscheinung der ansonsten regulär
besiedelten Voralpenlandschaft darstellen. Innovationen: Bronze, Rad und Wagen
In die Zeit der nahezu drei Jahrtausende umfassenden Pfahlbausiedlungen fallen
entscheidende, das Leben revolutionierende Etappen der kulturellen und
technischen Entwicklung. So begegnen uns bereits in der Pfahlbausiedlung
Hornstaad Kupferobjekte, die zu den ältesten Metallfunden in Süddeutschland
zu zählen sind. Als sich das neue Werkmaterial am Beginn der Frühbronzezeit
durchzusetzen begann und erste Zinnlegierungen eine Verbesserung der
Materialeigenschaften bewirkte, war Singen ein bedeutender Umschlageplatz des in
den Alpen gewonnenen und über verschiedene Zentren verbreiteten Kupfers.
Zahlreiche in der Nordstadt ausgegrabene, mit Metallbeigaben versehene Gräber
lassen dies erkennen. Der Hohentwiel als wichtige Land- und Wegmarke ist
wahrscheinlich der Grund, daß Singen in dieser Zeit zu einem wichtigen
Handels- und Siedlungszentrum wurde. Bereits in die ausgehende Jungsteinzeit
um 3000 v. Chr. fällt eine weitere, folgenschwere Neuerung, nämlich
die Erfindung des Rades und des rindergezogenen Transportwagens. Neue
Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg brachten in den
letzten Jahren mehrere hölzerne Radscheiben im Federseemoor bei Bad Buchau
zum Vorschein.
Sie gehören zu den ältesten Funden dieser Art
auf der Welt und zeigen, daß bedeutende technische Erfindungen auch weitab
von den frühen Hochkulturen gemacht wurden, beziehungsweise für die
Ausbreitung entsprechender Erfindungen aus dem Vorderen Orient bis nach Süddeutschland
kaum Zeit beansprucht wurde. Ohne Zweifel rollten die ersten Räder auch
bald in Singen und erleichterten den Waren- und Überlandtransport. Mit der
aufkommenden Metallurgie war Arbeitsteilung verbunden. Das Bronzehandwerk
erforderte Spezialisten: Bergleute, Schmiede und Händler. Die Entwicklung
brachte aber auch Probleme. Die neuen Möglichkeiten des Metalls führten
zur Erfindung neuer Waffen. Nicht nur in der hochentwickelten minoischen und
mykenischen Palastkultur des östlichen Mittelmeers, sondern auch
hierzulande kam es mit Dolchen, Schwertern und bronzenen Lanzenspitzen zu neuen
Kampftechniken. Die seit der Jungsteinzeit zunehmende Umschließung der
Pfahlbausiedlungen mit Zäunen und Palisaden, am Ende gar mit stabilen
Holzwehrmauern zeigt, daß kriegerische Bedrohung den Menschen in
zunehmendem Maße zu schaffen machte.. Es ist zu vermuten, daß sich
in der Bronzezeit erste stark befestigte, mit Stein- und Holz-Erde-Mauern
umgebene Siedlungen auch auf den Hegaubergen befanden, deren Spuren durch den
mittelalterlichen Burgenbau aber überdeckt und verwischt wurden. Singen
blieb in dieser Zeit ein bedeutender Siedlungsschwerpunkt; mehr als 16
Siedlungsstellen der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur sind alleine im
Umfeld des Hohentwiels, im Bereich der heutigen Stadt entdeckt worden.
Dr. Helmut Schlichtherle |