Porträt:
Günther Braß, Langstreckenläufer
Genau
536 Wettkämpfe hat er bestritten, das ist eine unglaubliche
Zahl. Günther Braß war der erste Singener, der den
Marathon lief, im Laufe seiner langen Karriere hat er alle großen
Marathons absolviert: New York, Boston, Paris, Glasgow, Berlin,
Hamburg und viele mehr. Akribisch hat der gelernte Textilingenieur
Buch geführt, jeder einzelne Wettkampf ist dokumentiert,
Günther Braß war Weltmeister in seiner Altersklasse,
das wissen nur wenige. Braß ist bescheiden, kein Mann der
großen Worte. Aber er ist wach, aufmerksam und er läuft
immer noch, wenn auch keine Wettkämpfe mehr.

Im
Laufe seines Läuferlebens hat Günther Brass alle
großen Marathons absolviert. swb-Bild: pr
Angefangen
hat alles 1973, in Bräunlingen, das war der älteste
Marathon, den es in der Gegend gegeben hat. Viele der ersten Wettkämpfe
führten Günther Braß in die Schweiz. Auch Ehefrau
Ingrid war immer mit dabei, ist selbst gelaufen, ebenso die Kinder.
Drei Mal New York, zwei Mal Boston - »wir sind schon rumgekommen«,
erzählt Günther Braß. Er war der erste Langstreckenläufer
in Singen und gründete bei der DJK Singen die Langstreckenabteilung.
Im Laufe der Jahre sind viele dazu gestoßen, mit einer über
zwanzig Mann starken Truppe ist man zu den einzelnen Wettkämpfen
gefahren. Braß war motiviert von den Singener Sportlern
Klaus Okle und Jürgen Enderle. »Die beiden haben mich
zum Laufen gebracht«, erinnert sich Braß. Immer Sonntag
früh hat man sich getroffen, dem Neuling waren die beiden
Anderen bald zu langsam, so zeichnete sich das große Talent
ab. Braß freut sich darüber, dass Laufen eine Volksbewegung
geworden ist. »Es ist das Beste, was man sich antun kann,
es ist die natürliche Bewegung. Der Mensch hat überlebt,
weil er davongelaufen ist oder der Beute hinterher «, philosophiert
Günther Braß.
Letze Woche ist er wieder 70 Kilometer gelaufen, das ist sein
momentanes Pensum. Als Joschka Fischer mit dem Laufen anfing,
war Günther Braß schon ein alter Hase, er begann noch
bevor die Bewegung so populär wurde. In Singen hatte er damals
kräftig die Trommel gerührt, er brachte viele Menschen
zum Sport. Ȇberwinden musste ich mich nie. Ich habe
auch Bergläufe gemacht, oder die 100 Kilometer von Biel.
In Singen habe ich schon etwas bewegt.« Seit 50 Jahren ist
Günther Braß schon im Alpenverein, er hat mit dem Bergwandern
angefangen. Laufen macht ihn high. »Gelaufen zu sein ist
ein befriedigender Zustand, man weiß, dass man etwas Gutes
getan hat. Einmal musste ich aufgeben in Biel, das war das einzige
Mal. Als Langstreckenläufer ist man ein Einzelkämpfer.«
In Glasgow wurde Braß Seniorenweltmeister, das war auch
für ihn etwas Bewegendes.
Als
Highlights nennt Günther Braß New York und vor allem
Boston, wo der älteste Marathon der Welt gelaufen wird. »Dort
herrscht eine unglaubliche Hitze, die Leute sind umgefallen, bevor
sie einen Schritt gelaufen sind«, erinnert sich Braß.
Beruflich im Außendienst ist er jeden Abend gelaufen, egal
wo er gerade war. Durch die guten Plazierungen bei Wettkämpfen
wurde Braß bekannt, doch Allüren hat er nie entwickelt.
Viele junge Menschen haben den Weg zu dem Sport gefunden. »Wer
Lust hat, soll einfach loslaufen, egal wie schnell«, gibt
Braß als Rezept aus. Und er ist das lebende Beispiel dafür,
dass Laufen bis ins hohe Alter möglich ist. »Niederlagen
muss man wegstecken. Laufen ist die gesündeste aller Drogen.
Es ist ein Stück Lebensgefühl. « Günther
Braß ist glücklich, auch weil er immer noch laufen
kann. Bald wird er achtzig Jahre alt, das ist schon eine außergewöhnliche
Leistung. Man wird ihm immer noch begegnen, wenn er im Wald seine
Runden dreht. Einfach aus Freude am Sport.
Johannes
Fröhlich
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Günther
Braß. swb-Bild:
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