Porträt:
Projekt Singener Tafel
Das
Projekt »Tafel« ist eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile
gibt es in ganz Deutschland über 700 Tafelläden. Tendenz
steigend. Die Tafel in Singen ist aus der Arbeiterwohlfahrt entstanden.
Man hatte damals versucht, Arbeitslosen zu helfen. Es sollten
Projekte angestoßen werden. Udo Engelhardt, der Kopf der
Singener Tafel erinnert sich: »Wir hatten gehört, dass
es in Stuttgart solch ein Projekt geben sollte. Wir sind hingefahren
und haben im Januar 1990 den Verein gegründet.« Der
Verein war eigenständig damals und ist es bis heute geblieben.

Udo
Engelhardt wurde zum Sprachrohr und Handelnden für jene,
die an den Rand der
Gesellschaft gedrängt wurden. swb-Bild: frö
Viele Menschen identifizieren sich mit der Tafel. Die beiden Eckpfeiler
sind der Mittagstisch und der Laden, in dem man billige Lebensmittel
einkaufen kann, die anderswo ausrangiert wurden. Das Mittagessen
bei der Tafel kostet 1,50 Euro, das ist auch für sozial Schwache
erschwinglich. »Uns war von Anfang an die Kooperation mit
anderen Trägern wichtig «, erklärt Engelhardt.
»Wir haben die Kirchen bei ihrem guten Willen gepackt, und
haben von dort dann auch Unterstützung erhalten«. So
kam der erste Laden in Singen zustande. Gestartet mit einem Kapital
von null Euro, verfügt die Singener Tafel mittlerweile über
einen Etat von 250.000 Euro.
Viele
haben geholfen, ein Autohaus stellte zum Beispiel kostenlos einen
Wagen zur Verfügung. Tafel bedeutet, Lebensmittel einsammeln,
und diese an Bedürftige verteilen. In Singen gibt es das
Ladenprinzip, dort werden die Lebensmittel abgegeben. »Wenn
wir das nett gestalten, kommen auch die Menschen um einzukaufen.
Die Menschen sollen sich nicht schämen müssen. Es gibt
eindeutig eine neue Armut«, erklärt Engelhardt. Trotz
eines Aufschwungs am Arbeitsmarkt gibt es eine Stagnation bei
den Arbeitslosen. Diejenigen, die länger als zwei Jahre draußen
sind, haben es laut Engelhardt sehr schwer. Diese Menschen müssen
erst einmal formulieren lernen, dass sie Hilfe brauchen. Viele
haben Angst, bei der Tafel gesehen zu werden. Daher versucht die
Tafel möglichst nahe an den normalen Laden zu kommen.
Nichts
geht bei der Tafel ohne Ehrenamt. Alleine in Singen sind es über
50 ehrenamtliche Mitarbeiter, welche die Tafel am Laufen halten.
Täglich werden bestimmte Touren gefahren. So kann kalkuliert
und koordiniert werden. Zwei feste Stellen hat die Singener Tafel.
»Für die Leute, die zu uns kommen, sind wir eine große
Hilfe. Alleine in Singen haben wir täglich ungefähr
180 Kunden, die bei uns einkaufen.« Engelhardt ist auch
Sozialmanager. Er kalkuliert, disponiert, er muss Bilanzen erstellen.
Aus
den Kantinen Singener Großbetriebe werden auch Essen zugekauft,
das kostet 2 Euro, dann muss die Tafel 50 Cents zuschießen.
»Wir sind mit anderen Organisationen vernetzt« so
Engelhardt, das bringt ein funktionierendes Miteinander. »Es
kommen immer mehr Menschen zu uns. Selbst Leute die Vermögen
hatten, kommen. Eine deutliche Zunahme erleben wir bei Kindern.
Da sind die Risiken höher«. In der nahen Zukunft wird
es spezielle Tafeln für Kinder geben. Dabei spielt auch die
Gesundheitsvorsorge eine Rolle. Kein Junkfood, eher so etwas wie
Frühstücksbeutel für die Schule. Für Udo Engelhardt
war der soziale Bereich vorgezeichnet. Er hat, obwohl drei verschiedene
Berufe erlernt, seinen sozialen Anspruch nie aufgegeben. Die 68er
Bewegung hat ihn früh geprägt. Engelhardt wünscht
sich für die Zukunft ein größeres Verständnis
der Bevölkerung untereinander. Kommune, Jobcenter, Wohlfahrt,
Einzelhandel, jeder nimmt sich am wichtigsten. Eine bessere Zusammenarbeit
soll Grundlage zur Lösung der Probleme in unserer Gesellschaft
sein. »Infrastruktur ist auch die soziale Gemeinschaft «,
resümiert Engelhardt. »Menschen und Organisationen
die stiften, müssen auch mit entscheiden können. Die
Tafeln werden Zukunft haben, auch in Vernetzung mit Schulen. Eine
gewisse Professionalität ist auch im sozialen Bereich notwendig«.
Johannes
Fröhlich
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