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 Ärztehaus war 1973 revolutionär

Porträt: Ärztehaus Singen

Das Singener Ärztehaus am Kreuzensteinplatz war in den 70er Jahren revolutionär. Ärzte agierten üblicherweise allein in ihren Praxen, die über die Wohnbezirke verstreut waren. Einen Platz für alle Fachrichtungen zu schaffen, war die Idee von Dr. Robert Ehret, der selbst bahnbrechend in der Neurologie tätig war. Er spürte die Veränderungen nicht nur in seinem Fach: Viele Krankheiten hatten sich vom stationären in den ambulanten Bereich verschoben. Wenn der Hausarzt nicht weiterkam, überwies er ins Singener Ärztehaus. Kam dort der Orthopäde nicht weiter, schickte er zum Neurologen, reflektiert Dr. Thomas Adam die Entwicklung im Gespräch mit dem Wochenblatt. Das Projekt schlug so ein, dass manche Befürchtungen, hier würde eine Überweisungsmechanik entwickelt, völlig aus der Luft gegriffen waren. Durch die räumliche Nähe ganz unterschiedlicher Spezialisten konnten noch am gleichen Tag Probleme des Patienten abgeklärt werden. Das sicherte den Einzugsbereich bis vor die Tore von Waldshut, bis nach Sigmaringen, Markdorf und kurz vor Konstanz. Das war auch die Zeit, in der Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle auf solche Kooperationsmodelle in Singen setzte, denn damit wurde die Stadt langfristig zum Gesundheitsstandort ausgebaut.

Die Neurologie ist in den 80er Jahren geradezu explodiert. Das zeigte sich gerade in der Praxis von Dr. Robert Ehret, der nacheinander vier Kollegen mit hinzunahm: 1980 war es Dr. Rolf Sattleger, 1983 Dr. Klaus Moser, 1990 Dr. Thomas Ehret und 1992 Dr. Thomas Adam. Jetzt tritt Dr. Holger Roick in die Fußstapfen von Dr. Klaus Moser, der lange seiner Krankheit getrotzt hatte.

Das Ärztehaus stand früh für Großgeräte und bahnbrechende Investitionen, was natürlich auch eine Menge Ärger eingebracht hat. Der Computertomograph war 1978 schon bahnbrechend. Für die Neurologie war dieses Gerät bundesweit ein gewaltiger Schritt, resümiert Dr. Thomas Adam heute. Unfallopfer mit Hirnschädigungen konnten hier diagnostiziert werden, was natürlich auch zu Reibungen führte. Was kein Krankenhaus hatte, stand im Singener Ärztehaus bei Ehret! Und so ging es weiter: Der erste Kernspintomograph stand im Ärztehaus, was 1990 zum Konflikt im Singener Gemeinderat führte. Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle wollte nun auch eines für das Krankenhaus, was dann auch nach heftigen Debatten mehrheitlich beschlossen wurde. Für Dr. Thomas Adam ist das heute alles Geschichte, denn diese Großgeräte stehen an vielen Orten - und die EMSA kooperiert heute bestens mit dem Singener Klinikum.

Als Dr. Adam 1992 nach Singen kam, wurde er von vielen Seiten erwartet, denn er hatte die Befähigung, den Kernspintomografen zu bedienen. Pointe: Dr. Christian Zwicker, der den städtischen MR im Krankenhaus bedienen sollte, hat heute seine Praxis als niedergelassener Arzt just im Ärztehaus. Für die Kooperationsmodelle hat Dr. Robert Ehret einmal mehr Lehrgeld zahlen müssen. Das zeichnet ihn eben aus: Er war seiner Zeit immer ein paar Jahre voraus.

Das war beim Kernspin so, der als Gerät damals 20 Tonnen gewogen hat. Die Firma Philipps hatte ein Gerät mit nur 5,6 Tonnen entwickelt gehabt. Kurzum: Das erste überhaupt stand im Singener Ärztehaus. Die Versorgung wie in einer Großstand hatten die Patienten hier in der Region. Das heutige MRGerät entspricht dem einer Uni-Klinik. Die Gesundheitsreform stellt selbst eine Praxis wie EMSA vor große Probleme: Einnahmen sind weggebrochen. Um den Stand zu halten, sind zehn bis 20 Prozent Mehrarbeit nötig, sagt Dr. Adam. Wird ein Patient noch am Abend einbestellt, muss er sich nicht wundern: Die Ärzte sind harte Arbeit gewohnt. Als bei ihnen der erste CT stand, hatten sie rund um die Uhr Einsatzbereitschaft. Das war wahrscheinlich der zweite Teil des Erfolgsrezepts.

Hans Paul Lichtwald


So hat der Bodmanner Künstler Peter Lenk die Gründergeneration des Singener Ärztehauses karrikiert. swb-Bild: li